Kaunergrat Tag 5
Watzespitze, Madatschjoch, Verpeilspitze, Kaunergrat


Fr, 18. Juli 25

NEUER STEIG AM MADATSCHJOCH

Verpeilhütte (2.015 m) - Aperes Madatschjoch (3.030 m) - Kaunergrathütte (2.817 m)


Nach dem langen Teilstück übers Wallfahrtsjöchl am Mittwoch ist es vielleicht nicht mehr so ganz passend, den Gang zur Kaunergrathütte heute als “Königsetappe” zu bezeichnen – aber die Querung des Madatschjochs in über 3.000 Metern Höhe ist einfach der alpine Höhepunkt jeder Kaunergrat-Runde. Und wir sind sehr gespannt auf die neue Routenführung da oben. Wie 2015 kommt man nämlich nicht mehr übers Joch.


Um 8:30 Uhr machen wir uns auf den selben Weg wie gestern, laufen diesmal aber am Abzweig zum Madatschkopf weiter geradeaus auf die Madatschspitzen zu. Aus den Wiesen am Wegesrand werden bald Felsen und Blockwerk, bei trockenen Bedingungen wie heute alles sehr gut zu gehen.


Seltenheit auf dieser Tour: Gegenverkehr

Zwischen den anthrazitgrauen Madatschspitzen und der Flanke des Schwabenkopfs gibt es das Kühkarlejoch (2.690 m) zu überschreiten – hier kommen uns die ersten beiden Bergwanderer entgegen – und in der Senke dahinter einen milchig grünen Schmelzwassersee. Zwei Stunden sind wir nun unterwegs, Zeit für eine Pause in der Sonne. Wir sehen zwei weitere Wandernde im Abstieg auf uns zukommen, zwei Frauen diesmal.


Die Suche nach der richtigen Route gestaltet sich im Folgenden immer schwieriger. Nur hier und da taucht mal ein Pfosten oder ein Farbklecks in den Schotterhalden auf, die der zurückweichende Ferner hinterlassen hat. Wir kommen dem Eis immer näher, wissen aber, dass wir uns für den Übergang links vom Gletscher halten müssen. Einen Weg gibt es hier nun endgültig nicht mehr. Das lose Geröll sackt unter jedem Schritt zusammen, immer wieder treten wir kleine Steinlawinen los, die die von uns selbst gezogene Pfadspur gleich wieder verschütten.


Eisfläche des Madatschferners, dahinter die Watzespitze
Aufstieg im Schotter zum Joch
Blick zurück über den Madatschferner
Zwei Leitern hängen in der Felswand unterhalb des Madatschjochs

Über Leitern geht es in den Kletterteil


Schließlich stehen wir unter einer Felswand, in der zwei Alu-Leitern hängen – untrügliches Zeichen, dass wir hier richtig sind. Ein junges Paar müht sich felsab. Sie schreit kurz auf, als sich eine der Leitern bewegt. Tatsächlich ist die untere nur an einer Seite befestigt, hat also etwas Spiel. Gut zu wissen. Unterhalb der Leiter kommt dann noch ein bisschen Kletterei über Felsstufen. Hier hilft ein Seil weiter.


Eine Schneewechte hängt im Joch, darin ein Wegweiser nach rechts
Trittstufen und Drahtseile entlang einer Felswand
Blick zurück auf den Madatschferner
Wegzeiger am Madatschjoch
Wanderer dick vermummt auf dem Madatschjoch
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Wir kommen kurz ins Gespräch und versichern den beiden, dass ab dem See da unten Genusswandern angesagt ist, sie sich den Weg dorthin aber freestyle suchen müssen. Den beiden scheint alles lieber zu sein, als die hinter ihnen liegende Kraxelei. Sie schwärmen noch vom Essen auf der Kaunergrathütte, warnen uns aber vor dem Gestank der Toiletten im Nebengebäude. Oha. Dabei weiß ich aus dem Alpenverein, dass die vor nicht allzu langer Zeit erst eingebaut wurden. Aber eine Schutzhütte in Insellage auf 2.800 Metern wird halt immer etwas rustikaler sein, als zum Beispiel die vor ein paar Jahren generalsanierte Verpeilhütte, die mit dem Auto aus dem nahen Tal versorgt werden kann. 


Sturm am Joch


Wir klettern über Felsen und Leitern in den Schlussanstieg zum Madatschjoch. Dabei quert man dessen Flanke und geht dann über mit Balken und Eisenstiften gehaltene Stufen und am Drahtseil gut versichert die Felswand entlang, bis sich in 3.030 Metern Höhe plötzlich der Blick auf die andere Seite des Kaunergrats öffnet. Es ist kurz nach 12 Uhr, als wir den höchsten Punkt unserer Tour erreichen. Ein ganz schöner Wind bläst hier oben. Vor uns an der Kante hängt noch eine Wechte, ansonsten ist der Übergang, wie es der Name sagt, aper, also schneefrei. 


Blick übers Madatschjoch in die Flanke der Watzespitze
Bunte Gebetsfahnen am Klettersteig über das Madatschjoch

Früher ging der Weiterweg bergab links an der Wand entlang. Man sieht dort noch die Drahtseile. Die Wegweiser zur Kaunergrathütte zeigen aber unmissverständlich nach rechts. Es geht nämlich noch weiter rauf, über den Schartenkopf. Als wir oben tibetische Gebetsfahnen und nagelneu aussehende Versicherungen im Fels sehen, sind wir sicher, den richtigen Weg gefunden zu haben. Genau genommen überschreiten wir damit nicht mehr auf 3.030, sondern in 3.065 Metern Höhe den Kaunergrat.


Der Klettersteig macht richtig Spaß

Seit 2021 gibt es diesen neuen Steig, der sich geschickt um den Kopf zwischen aperem und schneeigem Madatschjoch schlängelt. Schwierigkeitsgrad A/B. Das ist die Art von Klettersteig, die mir als Teil einer Bergwanderung wahnsinnig Spaß macht. Und gefühlt nimmt der gar kein Ende: Über 30 Minuten benötigen wir, bis wir auf dem Plateau unterhalb der Jöcher ankommen. Nun sind es noch 30 weitere Minuten einfache Wanderung bis zur Kaunergrathütte. Um 13:15 Uhr haben wir das Ziel erreicht.


Wegweiser zur Kaunergrathütte
Wanderer auf dem Weg oberhalb der Kaunergrathütte
Blick zurück zum Madatschjoch
Die Kaunergrathütte liegt zu Füssen
Über diese Felsen ging der Klettersteig
Speichersee Kaunergrathütte, dahinter die Watzespitze
Terrasse der Kaunergrathütte
Blick Richtung Karlesegg und Plangeroßferner
Blick zur Watzespitze

Es ist reichlich Betrieb auf der Terrasse. Die bekannt gute Küche zieht viele Wandernde aus dem Pitztal zum Mittagessen auf die Kaunergrathütte. Den Weg übers Madatschjoch haben heute dagegen nur wir beide genommen. Schon wieder so eine herrlich einsame Wanderung ist das gewesen.


Plausch mit dem Hüttenwirt


Bevor wir wohlverdienten Apfelstrudel und Kaiserschmarrn bestellen können, müssen wir uns bei Hüttenwirt Elmar anmelden. Der scherzt, wie denn ein Mitglied der Mainzer Sektion den Weg auf die eigene Hütte nicht zeitig finden könnte. Da muss ich natürlich nochmal von unserer Tortur am Wallfahrtsjöchl berichten. Wie der Übergang von der Verpeilhütte war? Ein Klacks im Vergleich. Und die Leitern? Für uns kein Problem. 


Er bittet darum, sparsam mit dem Wasser umzugehen. "Aber ihr habt doch jetzt einen See da oben”, meine ich. Tatsächlich gibt es oberhalb der Hütte seit neuestem ein Trinkwasserreservoir. Uns kam das gut gefüllt vor. Elmar winkt ab. Schneearme Winter wie der letzte stellen so hoch gelegene Hütten wie die am Kaunergrat vor große Versorgungsprobleme. Keine Schneefelder bis in den Hochsommer bedeutet: kein Wasser. Duschen fällt aus. 


Ein besonderes Fleckchen Erde


Kurze Zeit später haben wir Kaffee und Kuchen vor uns stehen. Köstlich! Dazu genießen wir die sagenhafte Aussicht auf die Watzespitze und den Plangerossferner sowie den Geigenkamm auf der anderen Seite des Pitztals. Schon ein besonderes Fleckchen Erde, auf dem die Kaunergrathütte da steht.


Kaiserschmarrn
Nebengebäude der Kaunergrathütte
Schild an der Kaunergrathütte

Den Nachmittag verbummeln wir in unserer kleinen Stube. Die befindet sich im Nebengebäude und tatsächlich sind die Toiletten hier, im Gegensatz zu denen im Haupthaus, alles andere als geruchsfrei. Zum Glück gibt es noch eine Zwischentür zum Flur. Aber praktisch, dass das Gebäude jetzt auch einen kleinen Waschraum hat, in dem man sich frischmachen kann.


Um 18 Uhr suchen wir uns einen Platz im gemütlichen Gastraum. Das Abendessen wird den hohen Erwartungen absolut gerecht. Auf eine herzhafte Griessuppe mit gestocktem Ei folgt Hähnchenbrust im Speckmantel mit Riso Pasta und Rahmsoße sowie eine Schokomousse zum Nachtisch. Ich hätte alles glatt nochmal essen können! Die Schwaben bei uns am Tisch kommen gar nicht darüber hinweg, wie ungewöhnlich der “Reis” ist. Sie vermuten ein Geheimrezept des nepalesischen Kochs. Dass es sich dabei um Nudeln handelt, wollen sie nicht so wirklich verstehen. 


Der Sonnenuntergang ist traumhaft schön


Gekrönt wird der Tag von einem Sonnenuntergang, der den Geigenkamm in wunderschönes Licht taucht. Ich beobachte ihn von der kleinen Kapelle St. Martin aus, die etwas unterhalb der Hütte auf einem Felsplateau steht. Immer weiter kriecht der Schatten der Watzespitze den gegenüberliegenden Gebirgszug hinauf. Oben auf dem Grat leuchtet orange das Rheinland-Pfalz-Biwak, die Notunterkunft auf dem Mainzer Höhenweg, der von der Rüsselsheimer zur Braunschweiger Hütte führt. Die Biwakschachtel steht 3.252 Meter über Meer am Gipfel des Wasserkogels und gehört, wie die Kaunergrathütte, der DAV-Sektion Mainz. Den Sonnenuntergang dort oben zu erleben, muss irre schön sein.


Geigenkamm im Sonnenuntergang

Unterkunft: Kaunergrathütte - 36 EUR + 45 EUR HP  

Wegstrecke: 5,5 km

Höhenmeter: +1.080 / - 280


Nützliche Links

pitztal.com - Infos vom Tourismusverband Pitztal

kaunertal.com - Infos vom Tourismusverband Tiroler Oberland

Kaunergrat-Runde - die klassische 5-Tages-Tour

DAV Mainz - die Sektion kümmert sich um einige Wege und eine Hütte im Pitztal