
Mi, 16. Juli 25
Tiefentalalm (1.880 m) - Wallfahrtsjöchl (2.766 m) - Verpeilhütte (2.015 m)
Der Weg übers Wallfahrtsjöchl ist nicht die höchste oder technisch schwierigste Option, den Kaunergrat zu überschreiten – aber die einsamste. Im Gegensatz zu Verpeil- und Madatschjoch findet man nur wenige Beschreibungen im Netz, denn anders als bei den viel genutzten Übergängen der klassischen Kaunergrat-Runde befindet sich keine Alpenvereinshütte direkt dahinter. Die Tiefentalalm ist die einzige Übernachtungsmöglichkeit zwischen Pitz- und Kaunertal auf dieser Route, und wenn man nicht ganz absteigen will, bleibt danach nur die Verlängerung der Wanderung bis zur Verpeilhütte. Die sollte uns an unsere Grenzen bringen.
Ganz gut geschlafen habe ich in der Kammer unter dem Dach der Tiefentalalm. Allerdings sind mir auch nicht die heftigen, aufs Dach trommelnden Regenschauer entgangen. Auf einen trockenen Weg dürfen wir uns schonmal nicht freuen.
Frühstück im Kerzenlicht
Ein echter Lichtblick ist dagegen das Frühstück, das wir für halb sieben bestellt hatten, und das uns in einer kleinen Stube erwartet – bei Kerzenschein. Was die Gastgeberin da aufgetischt hat! Würden wir alles aufessen, könnten wir höchstens noch ins Tal rollen.
Um halb acht verabschieden wir uns. Ein schmaler, dicht bewachsener Steig führt bergauf durch vom nächtlichen Regen tropfnassen Wald.

Hier mache ich schon den ersten Fehler, indem ich keine Regenhose überziehe. So bin ich bald bis zu den Oberschenkeln klitschnass. Schlimmer: Ich merke, wie sich Wasser in meinen Stiefeln sammelt. Das dürfte durch Löcher eindringen, die das harte Gestein der Dolomiten letzten Sommer in die Schutzkappen geritzt hat. Die Schuhe hatte ich seitdem nicht mehr an und keine Sekunde daran gedacht, dass sie kaputt sein könnten.
Wo die Baumgrenze erreicht ist, bietet eine Hochalm rund um eine Schäferhütte (2.290 m) Gelegenheit zum Verschnaufen. Hier wringe ich das erste Mal meine Socken aus und hole die Regenhose aus dem Rucksack. Auch wenn wir den Wald erst einmal hinter uns haben, dürfte es weiterhin feucht bleiben.
Fehler über Fehler
Weiter geht der Pfad über ein niedriges Joch ins Tiefenthal (mit h). Hier steht ein Wegweiser zur Neubergalm, die letzte Möglichkeit für den einfachen Abstieg zurück ins Pitztal. Wir vertrauen weiter auf die Wetter-Apps – der nächste Fehler.
Der Weg wird nun immer steiler. Grober Schotter, Blockwerk und feines Geröll wechseln sich ab. Bald passieren wir die ersten Schneefelder. Die Sichtweite variiert zwischen fünf und fünfzehn Metern. Absolut spaßbefreit. Von oben schaut uns eine Gams bei der Plackerei zu.
Nach 3 1/2 Stunden endet der Aufstieg
An einer schneegefüllten Rinne stiftet die Markierung Verwirrung - sie geht nämlich links UND rechts entlang. Wir halten uns rechts, denn sonst müssten wir weiter oben queren. Ob’s der leichtere Weg ist? Wir haben da so unsere Zweifel. Leicht ist hier oben eh gar nichts. Auf den letzten Metern helfen Drahtseile über den Fels. Gegen elf Uhr stehen wir in einer kleinen Scharte im Grat, dem Wallfahrtsjöchl (2.766 m).
Der Aussicht wegen hätten wir nicht raufkraxeln müssen, die reicht nämlich gerade bis zu einer Ebene aus Blockwerk 50 Meter tiefer hinter dem Jöchl. Da müssen wir nun runter. Einen “Weg” im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, höchstens ein paar Eisentritte im fast senkrechten abfallenden Fels, von denen einer auch schon rausgebrochen ist. Na, Prost Mahlzeit.
Nach den Tritten geben wir unser Bestes, im rutschigen Schotter nicht das Gleichgewicht zu verlieren, dann tauchen wieder gut sichtbare Markierungen auf, die durch ein wahres Felsenlabyrinth führen. Bei trockenem Wetter würde das hier richtig Spaß machen, aber bei der Nässe vertraue ich den rutschigen Steinen keinen Meter.
Mittagspause auf der Gallruthalm
Kurz gibt der Nebel den wild gezackten Gipfelgrat hinter uns frei. Kaum zu glauben, dass wir da eben drüber sind. Eine Stunde nach dem Wallfahrtsjöchl werden die Felsen weniger und der Pfad geht zwischen Kühen und Pferden hindurch über mal flache, mal steilere Weideflächen. Um 13 Uhr, und damit fünfeinhalb Stunden nach Aufbruch von der Tiefentalalm, erreichen wir die Gallruthalm – höchste Zeit für eine Stärkung!
Die kleine Hütte gleicht einem Kinderhort. Mehrere Familien sind mit Sack und Pack und teilweise Hund aus dem Kaunertal heraufgekommen. Die Wanderung ist für Kinder aber auch einigermaßen aufregend, führt sie doch einen Kilometer lang durch einen stockdunklen Tunnel entlang einer Wasserleitung. Ich mache mir Gedanken, ob wir jetzt nicht auch besser diesen Weg einschlagen und dann mit Bus oder Taxi das Tal hinauf Richtung Verpeilhütte fahren sollten. Gerade die Hälfte der Strecke haben wir hinter uns – allerdings immerhin den längsten Auf- und Abstieg.
Weiter auf einem der schönsten Wanderwege am Kaunergrat
Wir sitzen einen Wolkenbruch in der warmen Stube aus. Radler und Schiwasser, Gulaschsuppe und heiße Würstchen haben die ersten Erschöpfungsanzeichen vertrieben. Wir beschließen, weiter zu wandern. Mit dem Dr.-Angerer-Höhenweg liegt nun immerhin einer der schönsten Wege, die der Kaunergrat zu bieten hat, vor uns. Er geht knapp unterhalb der Baumgrenze durch herrlich ursprünglichen Bergwald. Wo der den Blick freigibt, geht dieser über den Venet in die Lechtaler Alpen in die eine, das ganze Kaunertal entlang bis zum Gepatschferner in die andere Richtung. Der Haken: Ständig schiebt sich eine neue Regenfront ins Bild. Die Wetter-Apps haben gelogen.
Steinböcke in Sicht
Immerhin bekommen wir einiges von der alpinen Fauna zu sehen. Die schwarzen Alpensalamander queren eh schon den ganzen Tag immer wieder unseren Weg. Nun höre ich ganz in der Nähe ein Gebirgshuhn ins Unterholz flattern, während die flugunfähigen Küken laufend und fiepend das Weite vor mir suchen. Im letzten Aufstieg am Gsallbach quert dann ein kleines Rudel Steinböcke den Weg und anschließend den Bach. Steinböcke gehören ja wirklich zu meinen absoluten Lieblingstieren. Dass sie uns den Pfad vollgekackt haben, ist allerdings nicht so schön.
Wir wandern über die Schulter des Schweikert, Hausberg der Verpeilhütte, und steigen dann 450 Höhenmeter ab zur Verpeilalpe (1.805 m). Der Hütte haben wir schon Bescheid gegeben, dass wir es nicht bis zum Abendessen schaffen würden. Mittlerweile ist es kurz vor sieben. Zum x-ten Male wringe ich das Wasser aus Socken und Einlagen. Nun sind es ja nur noch eineinhalb Kilometer auf einem ganz gemächlich ansteigenden Waldweg, aber ich bin so mit meinen Kräften am Ende, dass ich gefühlt alle 150 Meter stehen bleibe. Muss ich mich übergeben? Nein. Aber ich bin kurz davor. Irgendwie reiße ich mich zusammen und schleppe mich weiter.
Mit letzter Kraft
Um 19:30 Uhr, also genau zwölf Stunden nach dem Start an der Tiefentalalm und nach annähernd elf Stunden Gehzeit, erreichen wir unser Ziel, die Verpeilhütte (2.015 m). Das war ohne Übertreibung die anstrengendste Wanderung meines Lebens. Vor ein paar Tagen hatte ich noch gewarnt, dass wir für diese Etappe beste Bedingungen bräuchten. Die haben wir definitiv nicht angetroffen. Es hat genau so viel geregnet, wie die Bergfex-App schon vor einer Woche angekündigt hatte, über 20 Liter auf den Quadratmeter – und vor allem: in meine Schuhe.
Wir pellen uns im Trockenraum aus den triefnassen Sachen. Check-In bei einem der Mädels vom Hüttenteam: “Ich hätte noch ein Zweierzimmer, das ist aber etwas teu…” - “Ja, nehmen wir!” Was für ein Glück! Die Vergabe der Zimmer erfolgt auf der Verpeilhütte nach dem Prinzip “First come, first serve” bzw. schaut die Crew, was für wen am besten passt. Dass wir nun ein Doppelzimmer beziehen können und nicht etwa mit einem Matratzenlager vorliebnehmen müssen, erleichtert mich ungemein.
Stärkung aus der Küche
Das Abendessen haben wir verpasst, aber die Küche hat noch Suppe und Würstchen für uns. Ich bekomme kaum einen Bissen runter. Eine warme Dusche (3 Minuten!) und zwei Radler später kehren aber so langsam die Lebensgeister zurück. Interessiert hören sich die anderen Gäste unsere Geschichte an. Ein junges Frauenpaar ist heute trotz Schneefalls über das Madatschjoch gekommen. Auch nicht schlecht. Morgen wollen sie übers Verpeiljoch zurück ins Pitztal. Eine größere Gruppe Männer will die morgige Route vom Wetter abhängig machen. Auf die Idee, übers Wallfahrtsjöchl zu gehen, kommt jedenfalls niemand. Tatsächlich haben wir unterwegs außer in der Hütte an der Gallruthalm keine Menschenseele getroffen. Schon krass.
.jpeg?etag=W%2F%221304dc-6890717a%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=400%2B300&quality=85)
Wir überlegen, einen Ruhetag auf der Verpeilhütte einzulegen und erst am Freitag weiter zur Kaunergrathütte zu gehen. Dort haben wir zwar für zwei Nächte reserviert, aber nach dieser Tortur dürfte uns eine Pause morgen guttun. Die endgültige Entscheidung verschieben wir auf nach dem Frühstück.
Unterkunft: Verpeilhütte - 28 EUR
Wegstrecke: 14,5 km
Höhenmeter: +1.735 / -1640
Nützliche Links
pitztal.com - Infos vom Tourismusverband Pitztal
kaunertal.com - Infos vom Tourismusverband Tiroler Oberland
Kaunergrat-Runde - die klassische 5-Tages-Tour
DAV Mainz - die Sektion kümmert sich um einige Wege und eine Hütte im Pitztal