Kaunergrat Tag 7
Pitztaler Gletscher


So, 20. Juli 25

TOURISTS DOING TOURIST THINGS

Nach fünf Tagen Wandern steht uns der Sinn danach, die Beine zu schonen und die Fortbewegung überwiegend Bussen und Seilbahnen zu überlassen. Und wo wir nun eine Pitztal Sommer Card haben, wäre es dumm, die nicht für ein bisschen touristisches Pflichtprogramm auszureizen.


Ganz hervorragend geschlafen habe ich in dem bequemen Boxspring-Bett unserer Pension. Und auch das Frühstück ist luxuriös, denn da dürfen wir uns drüben im Hotel Sonnalpin am Buffet bedienen. So lecker das Essen auf den Hütten die ganze Woche war, fiel das Frühstück – von der Tiefentalalm abgesehen – jeweils verhältnismäßig karg aus. Nun können wir nach Herzenslust reinhauen. 

Das tolle Frühstück würden wir auch morgen, an unserem Abreisetag, gerne genießen. Dagegen spricht, dass der Takt der Buslinie nach Imst so luftig gestrickt ist, dass wir schon um 7:22 Uhr in Plangeross los müssen, es im Hotel aber erst ab 7:15 Uhr Frühstück gibt. Ich frage, ob wir da etwas früher aufkreuzen dürften. Gar kein Problem, ab sieben sollte fast alles bereitstehen. Wäre schade gewesen.


Zu Fuß zur Gletscherbahn

Ich wäre ja nicht abgeneigt, heute noch die Wanderung über den Fuldaer Höhenweg vom Rifflsee zum Taschachhaus zu unternehmen, kann mich aber auch mit einem Ausflug auf den Pitztaler Gletscher und zum höchsten Café Österreichs anfreunden.


Mit leichtem Gepäck kehren wir zurück auf den E5, kaufen noch ein bisschen Proviant in Ricci’s Ladele in Mandarfen ein und wandern dann weiter bis zur Talstation der Gletscherbahn in Mittelberg. Leider müssen wir das letzte Stück entlang der Straße gehen, denn der Wanderweg ist wegen Steinschlaggefahr gesperrt. Wegsperrungen – sie ziehen sich wie ein roter Faden durch diese Woche.


Gletscherexpress im Berg
Bergstation Gletscherexpress
Kapelle des Weißen Lichts
Pitztaler Gletscher, Blick auf den Hinteren Brunnenkogel

Beeindruckende Gletscherwelt

Die Fahrt mit dem Gletscherexpress ist the most bang for the buck mit der Pitztal Card, kostet doch die Berg- und Talfahrt normalerweise 57 EUR, also fast das 15-fache der Kurtaxe. Seit 1983 fährt die Standseilbahn wie eine U-Bahn durch den Berg. In sieben Minuten geht es mit ihr von 1.730 auf 2.841 Meter und mitten in das Gletscherskigebiet am Mittelbergferner, nach dem Gepatschferner noch immer der zweitgrößte Gletscher Tirols. Ich kann mir wenig unansehnlicheres vorstellen, als ein Gletscherskigebiet im Sommer. Es ist einfach brutal, wie die Freizeitindustrie diese Berge vereinnahmt hat. Aber gut: Wir machen ja selbst mit und die Ausblicke über die Eisflächen und die aus ihnen emporwachsenden Gipfel sind auf jeden Fall beeindruckend.


Noch höher hinaus geht es mit der Wildspitzbahn, nämlich auf den Hinteren Brunnenkogel. Dort, in 3.440 Metern Höhe, thront einem gelandeten Ufo gleich das Café 3440. Das beherbergt auch Österreichs höchstgelegene Konditorei. Richtig gelesen: Die machen ihre Kuchen hier oben selbst! Nachdem wir von der Gipfelplattform aus den 360-Grad-Rundumblick von der Zugspitze bis in die Dolomiten angemessen lang bewundert haben, kehren wir auf Kaffee und Kuchen ein. Wir nehmen heute einfach alles mit, was das Touristenherz begehrt. Und wann hat man schonmal so eine Aussicht?! Die Wildspitze, mit 3.768 Metern der höchste Berg der Nordtiroler Alpen und nach dem Großglockner die Nummer 2 in Österreichs, liegt direkt gegenüber. Fantastisch!


Station der Wildspitzbahn
Café 3440 und Wildspitze
Kaffee und Kuchen im Café 3440
Blick zur Wildspitze
Blick zum Kaunergrat mit der Watzespitze
Bergstation der Wildspitzbahn
Abfahrt mit der Wildspitzbahn

Ausgiebiger ließe sich die Bergwelt hier auf dem Gletschersteig genießen. Der führt vom Brunnenkogel vorbei am Taschachferner zum Taschachhaus (2.435 m). Ein gewaltiger Abstieg für eine Tageswanderung, die ja bis zur Talstation der Bahn gehen müsste. Er bleibt einstweilen auf meiner To-Do-Liste. Wir nehmen wieder die Bahnen ins Tal. Um 12:45 Uhr sind wir unten und wandern auf der Via Alpina und dem E5 zurück nach Plangeross. Dort legen wir aber nur einen ganz kurzen Boxenstopp ein, denn wir wollen den nächsten Bus nach Sankt Leonhard erwischen und doch noch dem Steinbockzentrum einen Besuch abstatten. Da kommen wir jetzt nämlich ebenfalls für umsonst rein.  


Kirche von Sankt Leonhard, Pitztal
Tiroler Steinzentrum
Ein Steinbock trinkt aus einem Wasserlauf
Ein großer Steinbock auf einem Felsen sitzend
Steinbock Close-Up

Steinböcke (fast) zum Anfassen

Das Steinbockzentrum ist Museum und Tiergehege in einem. Wobei sich ein großer Teil der Ausstellungsfläche nicht dem Steinbock, sondern der Geschichte der Fotografie im Pitztal widmet. Die Schönheit der Tiroler Bergwelt wurde schon in der Frühzeit der Fotografie auf unzähligen Bildern festgehalten und so dem Tourismus Vorschub geleistet. Dazu brachte das Tal selbst einige angesehene, auch wirtschaftlich erfolgreiche Fotopioniere hervor. Für uns besonders faszinierend ist der Vergleich der alten Dorfansichten mit heute. Die Armut und die Härte der Arbeit dieser Zeit springt einem aus den Bildern geradezu entgegen. 

Aber natürlich erfährt man auch einiges über das Wappentier des Pitztals, den Steinbock. In den 1950er Jahren starteten erste Versuche, die im 16. Jahrhundert in Tirol ausgerotteten Tiere wieder anzusiedeln. Erst als die aus den damals angelegten Gehegen ausbüxten, klappte es. In freier Wildbahn vermehrte sich das Steinwild prächtig und eroberte seinen alten Lebensraum zurück. Ausgehend vom Pitztal hat sich in der Region die größte Steinbockpopulation der Ostalpen entwickelt. Allein für den Naturpark Kaunergrat wird der Bestand auf 1.200 Tiere geschätzt. Mittlerweile sind sie so zahlreich, dass Steinböcke in Tirol sogar wieder bejagt werden.


Im Gehege kann man sie dann aus nächster Nähe erleben. Steinböcke sind ja schon im Gebirge nicht wirklich scheu. Hier sind sie Menschen erst recht gewohnt und die Kitze ohnehin sehr neugierig. Einfach sehr sympathische Tiere.


Abendessen in der Après-Ski-Bar


Wir gönnen uns noch eine Erfrischung im Museumscafé und laufen dann wieder runter zur Bushaltestelle. Ein bisschen Chillen auf dem Balkon, ehe wir um kurz nach fünf für ein frühes Abendessen losziehen. Der Hexenkessl im benachbarten Tieflehn, als Ort ausschweifender Apres-Ski-Partynächte weithin bekannt, hat mit dem Angebot gegrillter Spare-Ribs mein Interesse geweckt. Die Ribs sind dann auch ganz vorzüglich. Dirk ist mit seiner Wahl dagegen nicht so zufrieden: Steinbock-Burger. Irgendwie musste das wohl sein, aber vielleicht lassen wir die Steinböcke lieber einfach in Ruhe im Gebirge anstatt sie zu essen.


Spare-Ribs, Hexenkessl, Pitztal

Pappsatt spazieren wir zurück zum Hotel. Wie am letzten Abend unserer Tour durch die Dolomiten 2024, spielt auch heute wieder Deutschland gegen Spanien bei einer Fußball-Europameisterschaft. Diesmal die Frauen. Wieder ist es ein großer Kampf, wieder geht das Spiel in die Verlängerung, wieder kommt Spanien weiter. Ich ahne jetzt schon, was uns bei der WM 2026 blüht.


Haus Elisabeth, Plangeross

Entspannte Heimreise


Bestens gestärkt von einem schnellen Frühstück im Hotel machen wir uns am nächsten Morgen auf die Heimfahrt. Dabei müssen wir nur einmal umsteigen, nämlich in Bregenz. Von dort nimmt uns der täglich aus Innsbruck kommende ICE – der leider, leider nicht in Imst hält – mit nach Mainz.


Vor Stuttgart sieht es kurz so aus, als würden wir wegen eines Notarzteinsatzes eine Stunde Verspätung einsammeln, aber die Streckensperrung wird rechtzeitig für uns aufgehoben. Endlich mal!


Unterkunft: B&B Elisabeth, Plangeross - 120 EUR inkl. Frühstück  

Wegstrecke: 14,5 km

Höhenmeter: +/- 335


Nützliche Links

pitztal.com - Infos vom Tourismusverband Pitztal

kaunertal.com - Infos vom Tourismusverband Tiroler Oberland

Kaunergrat-Runde - die klassische 5-Tages-Tour

DAV Mainz - die Sektion kümmert sich um einige Wege und eine Hütte im Pitztal