2006 Southwest USA 06
Wanderer auf dem Gipfel des Half Dome

So, Sep 10, 2006

HOCH HINAUS

Die Wanderung auf den Half Dome, berühmtester Gipfel des Yosemite Nationalparks, steht ganz oben auf unserem Wunschzettel. Mit einer Länge von gut 25 Kilometern und 1.600 Höhenmetern ist sie allerdings eine echte Herausforderung. Und dann ist da ja auch noch das Thema Höhenangst...

Noch vor Sonnenaufgang sind wir auf dem Weg zum Parkplatz am Happy Isles Nature Center, dem Trailhead für die Wanderung zu den Vernal und den Nevada Falls – und zum Half Dome. Um 8 Uhr marschieren wir los und sind schon eine Stunde später über den Mist Trail an die Klippe des Vernal Falls geklettert. Hier waren wir vor vier Jahren schon einmal. Damals im Mai wurden wir auf diesem Weg bis auf die Unterwäsche von der Gischt durchweicht. Jetzt sind wir eher schweißgebadet. Hinter dem Wasserfall bildet der Merced einige flache Becken, die Emerald Pools.

Wir steigen weiter auf zum 178 Meter hohen Nevada Fall. Oben angekommen beugen wir uns über die Felskante, an der das Wasser in die Tiefe stürzt. Hui... Bei dem Wasserstand kann man gut den Pool am Fuße der Fälle sehen, im Frühjahr ist das hier ein einziger Nebel. Jetzt ist erstmal Zeit fürs Frühstück. Nach zwei Stunden haben wir schon 600 Meter des Aufstieg zum Half Dome bewältigt, Muskeln und Gelenke beschweren sich nicht. Weiter geht's.


Wir sehen das Ziel von hinten


Nach den Wasserfällen wandern wir auf angenehm ebenem Pfad durch ein Hochtal Richtung Little Yosemite Valley. Wir sind jetzt genau auf der Rückseite des Half Dome und können das Ziel erstmals sehen. Weit weg ist es hier noch. Ein Murmeltier sitzt auf einem Felsen und pfeift vor sich hin. Wahrscheinlich lacht es uns aus. Der Trail zweigt dann nach links ab und ab jetzt geht es nur noch bergauf. Acht Kilometer lang. Dieser Weg ist wirklich Quälerei pur und wir legen immer wieder kleine Pausen ein. Irgendwann ist es dann geschafft und wir erreichen ein Felsplateau. Hier sehen wir nun den Rest des Weges zur Spitze einschließlich der Kabel, an denen man sich das letzte Stücke hochhangeln muss.

Wir legen eine längere Rast ein und staunen über die Eichhörnchen, die sich über ein paar in der Nähe gelagerte Rucksäcke hermachen. Die Squirrels können Reißverschlüsse öffnen! Plastiktüten sind eh kein Problem und so knabbern sie fleißig aus der erbeuteten Tüte mit Sonnenblumenkernen. Conny verdirbt den Hörnchen das Mittagessen und stopft die Packung tiefer in den fremden Rucksack. Dabei lockt sie die Viecher sonst immer extra an...


Auch das nächste Stück des Weges hat es in sich, denn nun geht es eine steile Felswand hinauf. Teilweise sind Stufen in den Stein geschlagen, teilweise läuft man über blanke Granitflächen. Die Steigung hier beträgt an die 45 Grad – und das ist noch nicht der Half Dome! Jedenfalls sieht man hier einige Leute auf allen Vieren kriechen. Die Aussicht von oben ist dafür grandios, die Luft an dem Tag völlig klar: einmal das komplette Yosemite-Panorama bitte. Dankeschön. Dafür hat es sich schon gelohnt, hier rauf zu kommen.


Der Aufstieg gleicht einer Ameisenstraße


Über einen Sattel erreichen wir schließlich die berühmt-berüchtigten Kabel. Die sind zwischen Metallpfosten gespannt, die in den Fels gebohrt sind. An ihnen hangelt man sich über eine 47 Grad-Steigung auf den Dome hoch. Alle paar Meter liegen Holzbohlen quer, an denen man verschnaufen kann. An diesem Samstag sind ein paar hundert Leute wie wir unterwegs, entsprechend geht es an den Kabeln zu, wie auf einer Ameisenstraße. Für mich ist hier Schluss, Conny muss den Gipfelsturm allein in Angriff nehmen - und schafft das problemlos.

Rechts geht es mindestens 1.000 Meter steil runter, links sind es vielleicht 800 Meter. Zwischen dem Abgrund und den Kabeln ist, genau, nichts. Das macht meine Höhenangst nicht mit. Bevor ich mitten in den Kabeln eine Panikattacke bekomme (wie bei einigen anderen Leuten gesehen), setze ich mich lieber in die Sonne und schaue Conny zu, wie sie zur Spitze klettert. Dort schießt sie ein paar Fotos und steht nach einer Dreiviertelstunde wieder neben mir.

Der Weg nach unten ist dann ein Fest für die Knie. Dazu ist es mittlerweile ziemlich heiß geworden und der Pfad durch den Wald zieht sich genauso endlos wie beim Aufstieg. Noch immer kommen uns Leute auf dem Trail entgegen. Wenn die bis aufs Plateau wollen, sind sie erst bei Dunkelheit wieder am Parkplatz. Einige sind mit erschreckend wenig Wasser und absurdem Schuhwerk unterwegs. Na ja, muss ja jeder selbst wissen, wie er seinen Körper an die Belastungsgrenze bringt. Immerhin ist hier so viel Betrieb, dass keiner Angst haben muss, in der Wildnis verloren zu gehen.

Der John Muir Trail führt ins Tal


In dem Hochtal angekommen halte ich dann an einem kleinen Strand die Füße in den Merced River. Ahhh, tut das gut! Weiter geht es zum Nevada Fall, wo wir uns entschließen, nicht über den Mist Trail sondern über den John Muir Trail auf der anderen Seite des Tals weiterzuwandern. Dieser Weg lohnt sich allein schon wegen des Panoramablicks auf die Wasserfälle, die jetzt im weichen Licht der Nachmittagssonne liegen, genauso wie Half Dome, Liberty Cap und Mount Broderick. Dazu kommen wir an hängenden Gärten vorbei, an denen Wasser aus dem Fels sickert.


Allerdings ist dieser Weg um einiges länger als der Abstieg über die Stufen direkt an den Fällen. In unzähligen Serpentinen, die teilweise asphaltiert und deshalb sehr rutschig sind, geht es nach unten Richtung Vernal Falls Bridge. Dort angekommen sind wir mit den Kräften am Ende. Mindestens so fremd wie Aliens kommen uns jetzt die "Normal-Touristen" vor, die hier in Flip-Flops und billigen Turnschuhen unterwegs sind. Eine gewaltige Tour steckt uns in den Knochen, wir sind komplett verdreckt und verschwitzt - aber wir haben es geschafft! Nach zehneinhalb Stunden sind wir wieder am Auto.

Gefahren: 35 Meilen / 56 Kilometer

Hotel: Scenic Wonders Vacation Rentals - 137 USD