2019 MHW 3
Etschtal


Do, 27.6.19

ÜBER SONNIGE HÄNGE INS SCHNALSTAL

Giggelberg (1.568m) - Montferthof (1.480m)


Die zweite Etappe auf dem Meraner Höhenweg führt uns ins nächste Tal, das Schnalstal. Den Weg bis Katharinaberg kennen wir schon und wissen, dass der anstrengendste Teil gleich nach dem Frühstück kommt.


Über den gar nicht all zu fernen Dolomitengipfeln ist schon die Sonne aufgegangen als wir aufwachen. Ein Dunstschleier hängt über dem Talkessel von Meran. Heute dürfte der bisher heißeste Tag des Jahres werden. 


Den mit den Resten des Frühstücks übersäten Tischen nach zu urteilen, sind alle anderen Wanderer, die im Gasthaus Giggelberg übernachtet haben, wohl schon losgezogen. Hier mal für Ordnung zu sorgen, fällt der alten Dame des Hauses nicht im Traum ein. Die sitzt in einer Ecke und beschäftigt sich mit ihrem Handy. Immerhin bringt sie uns eine Kanne Kaffee an den Tisch, der in der prallen Sonne liegt, so dass wir schon vor dem Start der Wanderung ins Schwitzen kommen. 


Kurz nach halb neun brechen wir auf. Vor uns liegt der Weg durch die “Schlucht der 1.000 Stufen”. Wir zählen nicht nach, ob es wirklich tausend sind, aber so Pi mal Daumen dürfte das schon hinkommen. Nach zwei Stunden erreichen wir den Pirchhof mit seiner wunderschönen Aussichtsterrasse. Hier haben wir vor vier Jahren übernachten dürfen. Wie viel freundlicher die Atmosphäre auf dem Hof ist im Vergleich zum Giggelberg…


Von einer schattigen Terrasse zur anderen


Die beiden Schweizerinnen sitzen an einem Tisch im Schatten. Wir hocken uns dazu und lassen die ersten alkoholfreien Weizenbiere des Tages in den durstigen Kehlen verschwinden. Nach einer halben Stunde setzen wir die Wanderung fort, nur um um die Mittagszeit schon wieder einzukehren. Der Weg verlief die letzte Stunde aber auch fast durchgehend in der Sonne, teils auf Asphaltstraßen, teils durch gemähte Wiesen, die sich auch gerne besonders stark aufheizen. Da kommt uns die schattige Bank des Linthofs gerade recht.


Der Linthof befindet sich kurz oberhalb der Seilbahn Unterstell, mit der sich der Meraner Höhenweg bequem von Naturns aus erreichen lässt. Weit geht die Aussicht den Vinschgau hinauf Richtung Ortler, dem mit 3.905 Metern höchsten Berg Südtirols. Auf unserer heutigen Etappe haben wir ihn immer wieder im Blick.


Eis geht immer


Zum Mittagessen gönnen wir uns Eis mit Erdbeeren. Das schmeckt so köstlich, dass wir fast noch eine zweite Portion bestellen, besinnen uns dann aber doch eines Besseren. Nach einer Stunde Pause wandern wir weiter Richtung Katharinaberg. Die Wegführung durch ein Waldstück hinter dem Linthof sorgt kurz für Verwirrung, aber wir finden den richtigen Abzweig, der uns ins Schnalstal führt. 


Wo Reinhold Messner wohnt


Am Eingang des Tals sitzt Schloss Juval auf einem Felssporn. Seit den 80er Jahren hat Reinhold Messner die mittelalterliche Burg auf Vordermann gebracht und aus ihr gleichzeitig seinen Wohnsitz und ein Museum gemacht, das Messner Mountain Museum. Von denen gibt es mittlerweile sechs Stück über ganz Südtirol verteilt. Das auf Schloss Juval ist dem Mythos Berg gewidmet. Messner hat hier seine umfangreiche Bibliothek und Tibetika-Sammlung untergebracht, eine Bildergalerie zu den heiligen Bergen der Welt, eine Maskensammlung aus fünf Kontinenten, seinen Expeditionskeller und weitere Ausstellungen. Wir sehen Schloss Juval freilich nur von oben.


Ebenfalls sehr exponiert gelegen ist das Dorf Katharinaberg. Auf dem Platz, auf dem heute die von weitem sichtbare Pfarrkirche thront, stand einst die Schnalsburg, die dem Tal seinen Namen gab. 1350 wurde die von den Kartäusern geschleift. Nur der alte Burgturm blieb stehen und wurde zum Glockenturm umfunktioniert. Die Geschichte des Ortes reicht allerdings noch weiter zurück. Erste Siedlungsspuren stammen aus der Bronzezeit. Wer weiß, womöglich ist der Ötzi von hier aufgebrochen?


Anders als beim letzten Mal, als wir an einem ebenso brütend heißen Tag hier Mittag machten, lassen wir Katharinaberg nun links unten liegen. Unser Ziel, der Montferthof, liegt oberhalb des Ortes. Der Meraner Höhenweg ist hier nach Sturmschäden aus dem letzten Herbst noch gesperrt. Die Umleitung geht entlang der Straße, was eine ziemlich spaßbefreite Wegführung ist. 


Als wir ihn schon sehen können, spricht uns ein Grüppchen Frauen an und fragt, ob wir wüssten, wo der Montferthof wäre. Wir sagen, dass er das da vorne wohl sein müsste. Darauf erzählen sie, dass sie dort einkehren wollten, aber alles verschlossen sei. Sie würden nun zum Untervernatschhof gehen, dort hätten sie eh für die Nacht reserviert. Da können wir ihnen versichern, dass sie auf dem richtigen Weg sind, denn an dem Hof sind wir gerade vorbeigekommen. Etwas verwirrt von diesem Gespräch gehen wir weiter.


Jemand zu Hause?


Am Montferthof begrüßt uns nur ein Hund, als wir das Tor zum Garten öffnen. Es ist in der Tat sehr ruhig hier. Drinnen treffen wir dann aber auf Siggi. Der kommt aus dem Rheinland und arbeitet als Freiwilliger bei der Bergbauernhilfe, einer Organisation, die etwa während der Erntezeit, wenn viele fleißige Hände auf den schwer zu bearbeitenden Berghöfen Südtirols gebraucht werden, die Bauern unterstützt. Siggi kommt schon seit Jahren immer wieder auf den Montferthof und kümmert sich dann vor allem um das Wohl der Gäste. Nun ist er ein bisschen verzweifelt ob unseres Erscheinens.


“Mönsch, warum haste disch denn nit jemeldet?” Tatsächlich habe ich versäumt, unsere Ankunft heute zu bestätigen. Die Bitte darum hatte ich in der Mail mit der Reservierung übersehen. Nun hätte er in unser Doppelzimmer schon ein Ehepaar aus Holland einquartiert, berichtet Siggi. Wir dürfen trotzdem bleiben und teilen uns einfach das Zimmer, in dem tatsächlich vier Betten stehen, mit den beiden, die uns mit großem Hallo begrüßen. 


Wir duschen, waschen die verschwitzten Klamotten und hängen sie zum Trocknen an die Leine. Höchste Zeit für ein Bier! Draußen im Garten ist es viel zu heiß, um sich da hinzusetzen. Dirk bleibt mit den Holländern in der kühlen Stube, ich finde auf einem kleinen Balkon ein schattiges Plätzchen. Bald bin ich dort von einer kichernden Schar Kinder umringt. Der Nachwuchs der Familie hat Ferien und darf die samt Cousins auf dem Bauernhof verbringen. Was könnte aufregender sein? Und dann noch die ganzen Fremden, die zu Besuch kommen… Die Kinder machen sich einen Heidenspaß daraus, ihre Puppen und Stofftiere in den Gästebetten zu verstecken und lachen sich schier kaputt, wenn man die findet und ihnen zurückbringt.


Am späten Nachmittag fällt der Hof in den Schatten. Für den Aperitif können wir uns also nach draußen wagen. Die beiden Schweizerinnen sind mittlerweile auch angekommen, dazu ein gut gelauntes Quartett aus Berlin und Magdeburg, das Siggi ein ums andere Mal zum Bierholen schickt. 


Zum Abendessen gibt es Graupensuppe und Ziegenbraten. Der ist so zart, dass das Fleisch von allein vom Knochen fällt. Als Nachtisch noch ein Stück Himbeerrolle und alle sind pappsatt.


Der Montferthof hat die größte Backstube im ganzen Tal


Uns fällt eine gusseiserne Maschine auf, die in einer Ecke der Stube unter einem Tuch versteckt ist. Siggi klärt uns auf, dass es sich um eine Teigmaschine handelt und zwei Mal im Jahr das ganze Tal zum Brotbacken auf den Montferthof kommt. Der Raum wird dann auf 40 Grad geheizt und an der Wand werden Bretter befestigt, auf denen der Teig ruht. Dann werden die Laibe durch ein Fenster gereicht und im Ofen gebacken. Das Brot ist Monate lang haltbar und war früher absolut überlebensnotwendig für die Bewohner der abgelegenen Höfe. In einem Fotoalbum können wir durch Bilder von einem solchen Backtag blättern. Da staunen wir Stadtmenschen.


Weil Siggi unendlich viele Geschichten über das Leben auf den Höfen und die Familie Ilmer zu erzählen weiß, wird es draußen auf den Bänken noch ein langer Abend. Die eine oder andere Runde Zirbenschnaps gehört dazu.  


Unterkunft: Montferthof, Katharinaberg - HP 45 EUR pP

Wegstrecke: 15 km

Höhenmeter: +828 / -930


Nützliche Links

Meraner Höhenweg - Etappenplanung, Unterkünfte, Wissenswertes

Bergwelten - schöner Artikel zur Einstimmung

Meraner Land - interaktive Karte mit aktuellen Infos zu Sperrungen

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