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Hummerbojen

So, Oct 12, 2014

LOBSTER LEBENDIG, LOBSTER GEBACKEN

In Maine dreht sich alles um das Krustentier. Dem Thema gehen wir nach - auf dem Meer und auf dem Teller.

Ziemlich weit oben auf der Wunschliste möglicher Aktivitäten in diesem Urlaub stand eine Whale Watching Cruise. Mit der Stellwagen Bank liegt schließlich eines der Lieblingsreviere der Meeressäuger vor der Küste New Englands. 2008 waren wir von Cape Cod aus aufs Meer geschippert und hatten allerlei Buckelwale aus nächster Nähe beobachten können. Allerdings wollten wir das Wetter abwarten, ehe wir eine solche Cruise buchen. Der Tag heute verspricht Sonne pur, also ideale Bedingungen. Ich telefoniere ein wenig herum, muss aber leider erfahren, dass die Saison schon ziemlich am Ende ist. Zwei Anbieter fahren gar nicht mehr raus, einer nur heute früh. Zu früh für uns. Aber gestern Abend hatten wir in Perkins Cove gesehen, dass man dort Ausflüge mit einem Hummerfischer machen kann. Auf eine solche buche ich uns dann mal. Conny ist zwar nicht begeistert, aber ich finde, man sollte sich durchaus dafür interessieren, wo das Essen auf dem Teller eigentlich herkommt.

 

Das Frühstück kommt vom Büffet im Breakfast Room, der das Flair einer Abstellkammer hat. Ganz ehrlich: Wenn ich so ein schönes Hotel und keinen Platz für einen gescheiten Raum fürs Frühstück hätte, ich würde es weglassen. Coffee Maker hat es eh auf jedem Zimmer, da stellt man noch ein paar frische Cookies und Muffins in die Lobby - gut ist's. Ich wundere mich noch über den Zettel an der Tür, der darum bittet, dass man mit Hemd und Schuhen frühstücken kommen möge, da schlappt eine Frau barfuß und im Nicki-Pyjama an die Kaffeekannen. Geht's noch? Hat die sich auf dem Weg ins Bad verlaufen? Oder bin ich mittlerweile selbst zu spießig, um es normal zu finden, dass den Leuten wirklich ganz und gar egal ist, wie sie aussehen? Bevor ich mir völlig die Laune verderbe, beenden wir das Frühstück besser.

 

Auf See mit dem Lobsterman

 

Wir spazieren zur Perkins Cove und checken kurz vor halbelf auf dem Lobsterboat ein. So ganz authentisch ist das nicht, weil auf Deck Sitzbänke für bestimmt drei Dutzend Menschen angebracht sind, aber der Hummerfischer ist echt. Er macht erstmal eine launige Begrüßungsrunde und freut sich über Gäste aus Germany (außer uns noch eine Familie aus Hamburg), wo er in den Siebzigerjahren beim Militär war. Wer eigentlich nicht? Er erinnert sich noch gut an die Schnitzel und das Bier und an Rhein und Mosel. Dass seine alte Airbase in Hahn heute ein ziviler Flughafen ist, findet er sehr interessant.

 

Das Boot fährt aus dem Hafen und die felsige Küste entlang, während ein Guide ein bisschen was über Ogunquit, Leuchttürme, Schiffswracks und natürlich Hummer erzählt. Früher waren die ein Arme-Leute-Essen. Wenn man sie überhaupt gegessen und nicht als Dünger auf die Felder gestreut hat. Die Geschichte, dass es einst in Maine einen Häftlingsaufstand gab, weil man denen sieben Tage die Woche nur gekochten Hummer vorsetzte, hat man so ähnlich aber schon von wo anders gehört.

 

Bekanntlich sind Lobster heutzutage eine Delikatesse. Wobei sie hier oben in New England natürlich auf jeder Speisekarte stehen. Da der Mensch ihnen einen Großteil der natürlichen Feinde aus dem Meer entfernt hat, vermehren sich die Krustentiere in den letzten Jahren ganz prächtig. Und die Fischer sorgen selbst dafür, dass der Bestand geschützt wird. Etwa indem eiertragende Weibchen nicht nur wieder zurück ins Meer geworfen, sondern auch noch mit einer Kerbe im Schwanz markiert werden, damit der nächste Fischer sie auch dann als fruchtbar erkennt, wenn sie gerade keine Brut tragen. Tatsächlich erleben wir das in echt, denn in einer der an Bord gezogenen Fallen findet sich ein solches Tier.

 

Jeder gefangene Hummer wird penibel vermessen und bekommt die Freiheit geschenkt, wenn er zu klein ist. Alle drei, vier Tage werden die Körbe kontrolliert. In jeder der auf unserer Tour eingeholten Fallen finden sich Hummer. Mit neuem Köder versehen gehen die Käfige dann wieder zurück auf den Meeresgrund. Lässt man die Hummer länger in den Fallen werden sie übrigens zu Kannibalen. Und jeder tote Hummer lockt weitere hungrige Hummer an, die wiederum in die Falle gehen und sich gegenseitig auffressen. "Ghost fishing" nennt das der Lobsterman. Um das Massaker zu verhindern, sind die Körbe mit schnell rostenden Drähten versehen, die dafür sorgen, dass sie irgendwann aufgehen, sollten sie sich etwa in einem Sturm von der Boje losgerissen haben und so verloren gegangen sein.

 

Noch ein Fun Fact: Womöglich sind Hummer unsterblich. Gut, Artgenossen, Parasiten oder der Kochtopf bringen die Tiere schon um. Aber sie altern nicht. 100 Jahre erreichen Hummer locker. Vor nicht all zu langer Zeit wurde sogar ein neun Kilo schweres Männchen von geschätzt 140 Jahren gefangen - und wieder ausgesetzt. Die Wissenschaft rätselt noch, wie die Hummer das hinkriegen.

 

Vollgestopft mit neuem Wissen gehen wir nach einer Stunde wieder an Land. Auch Conny muss zugeben, dass der Ausflug wirklich Spaß gemacht hat. Die 17 Dollar pro Kopf sind gut investiertes Geld.

 

Da es mittlerweile ganz schön warm geworden ist, bringen wir einen Teil unserer Bekleidung aufs Hotelzimmer, dann holen wir uns in der Bread & Roses Bakery Cappuccino und frische Backwaren zum Lunch, das wir auf einer Bank in der Sonne genießen.

 

Ab an den Strand!

 

In einem Souvenirladen erstehe ich eine Boston Red Sox-Mütze als Sonnenschutz, schließlich geht es an den Strand, der sich auf einer vom Festland durch den Ogunquit River getrennten Halbinsel befindet. Fünf Kilometer ist Ogunquit Beach lang und bei dem Traumwetter heute ist hier natürlich einiges los. Bei Flut verschwindet der Strand nahezu, nun ist aber einigermaßen Ebbe, so dass der Platz für alle Besucher reicht. Für mehr als die Füße reinzuhalten ist das Wasser aber entschieden zu kalt, dazu weht ein frischer Wind.

 

Lobster futtern am Cape Neddick

 

Am Nachmittag fahren wir ins benachbarte Cape Neddick. Erstens um das hier auf einer Insel vor der Küste beheimatete Nubble Light zu fotografieren (es gelingen exakt die gleichen Aufnahmen wie sechs Jahre zuvor!), zweitens um den örtlichen Lobster Pound aufzusuchen, laut Lonely Planet einer der besten New Englands. The Pound befindet sich an der Mündung des Cape Neddick River, dessen Wasserstand mit der ablaufenden Flut immer mehr sinkt.

 

Der gebackene Hummer, der nach der obligatorischen Chowder auf meinem Teller landet, sieht aufgeschnitten ein bisschen aus wie ein Alien, schmeckt aber vorzüglich. Somit endet der Tag wie er begann - mit Hummer. Na ja, nicht ganz. Zurück in Ogunquit unternehmen wir noch einen kleinen Spaziergang zur Ben & Jerry's Eistheke. Dass es nach Sonnenuntergang eigentlich schon zu kalt für Eis ist, können wir allerdings nicht ganz ignorieren. Zum Glück warten in der Hotellobby noch Kaffee und Tee auf uns.

Unterkunft: The Colonial Inn, Ogunquit

Gefahrene Meilen: 22

 

Nützliche Links

Visit Maine - was es alles an der Southern Maine Coast zu sehen gibt

Southern Maine Coast - Vacation Guide für das südliche Maine

Beautiful by the Sea - Besucherinfos zu Ogunquit

New England Today - die 10 schönsten Orte an der Küste Maines