2017 Karwendel 2

WENN DIE SONN UNTERGEHT IM KARWENDEL (2)

Von der Hochlandhütte zum Karwendelhaus

(12 km / ↑1.082 m / ↓947 m)

 

Der Regen erwischt uns am nächsten Morgen kurz nach dem Aufstieg zum Sattel am Wörnerkopf. Mühevoll ist die anschließende Querung der Schutthänge von Groß- und Hochkar, immer rutschiger der Untergrund. Die Kraxelei am mit Drahtseilen versicherten Anstieg zur Bäralpl mutet da fast schon halsbrecherisch an. Trittsicherheit und eine Portion Mut sind Voraussetzung zum Meistern dieser Passage, bei der man die Hände teils über Kopf am Seil hat. Das Wasser läuft mittlerweile in Strömen über den Fels. Genusswandern geht anders. Noch fast die Hälfte des Weges liegt vor uns.

 

Wir passieren die Staatsgrenze nach Tirol und kurz darauf die liebliche Bäralpl, weichen dort so gut es geht den Hinterlassenschaften einer Schafherde aus, und haben bald darauf das Karwendelhaus, unser heutiges Ziel, im Blick. Gleichwohl er ohne größeren Gewinn oder Verlust von Höhenmetern verläuft, führt der Gjaidsteig nun noch fast zwei Stunden lang in ständigem Auf und Ab über Felsen und Wurzeln, durch Pfützen und nasses Buschwerk. Eigentlich eine Einladung zum Entschleunigen, doch die Aussicht auf eine warme Dusche treibt uns vorwärts.

 

 

 

 

Eingeschränkter Betrieb.

Wir bitten um Verständnis.

(Hinweisschild im Karwendelhaus)

Umso größer die Enttäuschung als wir um kurz nach 14 Uhr die oberhalb des Karwendeltalschluss gelegene Hütte erreichen. Die operiert auf Notstrom, der gerade so für die Küche und das Licht, nicht aber für warmes Wasser oder die Heizung im Trockenraum ausreicht. Ein Gutes hat die Wetterlage freilich: in der vorher fast ausgebuchten Hütte werden Betten frei. So können wir unsere Schlafplätze im Matratzenlager gegen ein Zwei-Bett-Zimmer tauschen. Das bietet denn auch ausreichend Platz zum Aufhängen der feuchten Kleidung. Und aus dem Hahn im geräumigen Waschraum kommt immerhin noch lauwarmes Wasser. Bei Kaffee und Kuchen im urigen Gastraum des 1908 eröffneten Schutzhauses schauen wir mit ein bisschen Stolz auf die heutige Etappe zurück.

 

Die zwölf Kilometer lange, anspruchsvolle Wanderung von der Hochlandhütte, auf der wir über tausend Höhenmeter im Auf- und nur wenige weniger beim Abstieg gesammelt haben, ist nicht der einzige Zugang zum Karwendelhaus, mit fast 200 Betten und Lager eine der großen Alpenvereinshütten Österreichs. Via Alpina, E4, Adlerweg und Via Venezia - gleich vier vielbegangene Fernwanderwege führen über das Karwendelhaus. Der breite Fahrweg von Scharnitz das Tal hinauf wird auch von Mountainbikern genutzt, sogar einen Taxiservice gibt es. Und dann ist da ja noch praktisch gleich hinter dem Haus die Birkkarspitze, mit 2.749 Metern der höchste Berg im Karwendel. Dessen Überschreitung zum Hallerangerhaus oder als Rundtour über den Grat der Ödkarspitzen zieht Gipfelstürmer magisch an - die dieser Tage allerdings ohne Aussicht auf baldige Wetterbesserung im Karwendelhaus festsitzen. Kein Wunder also, dass selbst an diesem Abend die gute Stube schließlich bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Wie ein Adlerhorst thront das Karwendelhaus über dem Tal.

Es blüht am Wegesrand.

Die nächste Etappe führt in den Kleinen

Ahornboden.