20150807 E5 14
Stoarnerne Mandln

Fr, Aug 7, 2015

 

UND AM ENDE FAHREN WIR BUS

Auf dem letzten Abschnitt der Tour nach Bozen folgen wir wieder den Markierungen der klassischen E5-Route. Dass wir zum Schluss ein bisschen schummeln, ist der brütenden Hitze geschuldet.

Ich zitiere aus dem Rother-Wanderführer: "Die heutige Etappe ist, abgesehen von ihrer Länge, ausgesprochen gemütlich - eine möglicherweise willkommene Gelegenheit, Füße und Seele baumeln zu lassen." Das klingt nach entspanntem Auslaufen. Vor allem, da gestern schon entschieden wurde, das Feld wieder in zwei Gruppen aufzuteilen. Deren Besetzung sieht am Morgen aber so ganz anders aus als am Abend gemeldet. Lediglich Michelle, Raphaela, Matthias, Max und ich wollen zusammen mit Martin so zügig wie möglich das Ziel Bozen erreichen, dazu starten vor uns Beate und Thomas, die sich später einsammeln lassen wollen. Nun denn.

 

Im Morgenlicht über den Tschögglberg

 

Um 7:30 Uhr ist Abmarsch von der Meraner Hütte. Die Luft ist noch angenehm frisch, der Tschögglberg, ein Bergrücken, der das Sarntal vom Etschtal trennt und den wir der Länge nach ablaufen werden, wird von den ersten Sonnenstrahlen in goldenes Licht getaucht. Nach 45 Minuten erreichen wir das Kreuzjoch, mit 2.086 Metern Höhe der nun wirklich allerletzte Gipfel unserer Reise. Von nun an geht's bergab.

 

Die nächste Stunde versauen uns die Mücken die Laune. Schwärme davon hat jeder um den Kopf schwirren. Supernervig! So haben wir gar keinen Blick für die unzähligen, teilweise sehr alten Steinmännchen, die "Stoarnernen Mandln". Wir sind heilfroh, als der Weg von den Almen in den Wald führt, wohin uns die Mücken nicht folgen.

 

Nach Plan B nach Bozen

 

Bereits um viertel vor elf erreichen wir Langfenn, wo das Kirchlein Sankt Jakob zusammen mit einem Bauernhof ein hübsch anzuschauendes Ensemble bildet. Zeit zur Einkehr. Gut zwanzig Minuten nach uns schließt die große von Manfred geführte Gruppe zu uns auf. Die will hier länger Rast machen als wir. So verabschieden wir uns bald und laufen recht strammen Schrittes nach Jenesien weiter. Der Plan: Von Jenesien mit der Seilbahn ins Tal, dort noch über einen kurzen Höhenweg bis in die Stadtmitte von Bozen wandern. Die Realität: Die Seilbahn fährt erst in eineinhalb Stunden, der nächste Bus nach Bozen in einer halben. Mit dem wären wir in 20 Minuten direkt am Bahnhof und damit um die Ecke von unserer letzten Unterkunft. Amerikaner würden hier von einem "no-brainer" sprechen.

 

Die Bushaltestelle ist am anderen Ende des Dörfchens. Ganz korrekt habe ich den Fahrplan nicht verstanden und uns eine Abfahrt in Aussicht gestellt, die nur an Schultagen stattfindet. Jetzt sind ja Ferien. Aber egal, auf die paar Minuten kommt es nicht an. Wir bekommen Gesellschaft von drei Mädels, von denen eine in Mainz studiert. Ist ja klar. Die junge Dame ist ganz aus dem Häuschen darüber, unsere Bekanntschaft zu machen. Ich habe da gleich ein Lied auf den Lippen: "Auf dem Mars, auf dem Mond / Überall ein Mainzer wohnt."

 

So endet das große Abenteuer Alpenüberquerung für mich also mit einer Busfahrt der Linie 156 zum Bozener Hauptbahnhof. Nicht ganz standesgemäß, aber wer fragt da morgen noch nach?

 

Verdiente Entspannung

 

Als an unserer Haltestelle die Türen aufgehen, laufen wir gefühlt gegen eine Wand. Es ist unfassbar heiß in der Stadt und wir sind uns absolut sicher, dass wir mit der Fahrt im klimatisierten Bus alles richtig gemacht haben! Nach kurzem Fußmarsch entlang einer Ausfallstraße erreichen wir um 15 Uhr das ruhig gelegene Gasthaus Schwarze Katz. Wir machen die ersten Zimmer klar, uns selbst frisch und warten bei Kaltgetränken im schattigen Hof auf die Ankunft der anderen.

 

Nach einer Stunde ist es soweit: Ein völlig erledigter Trupp geschlagener Krieger läuft im Quartier ein. Die Armen sind tatsächlich zu Fuß in die Stadt gekommen. Ich versuche, mir das Grinsen zu verkneifen. Es gelingt nicht ganz. Ich raune Dirk zu, welches unser Zimmer und wo die Etagendusche ist. Kurz darauf stoßen wir auf uns selbst an. Well done, my friend!

 

Ein paar Leute verabschieden sich auf einen kurzen Stadtbummel, andere besuchen eine gut sortierte Weinhandlung in der Nachbarschaft. Ich habe keinen Ehrgeiz mehr und lasse mit Thomas und Beate in aller Ruhe und bei mehreren Bierchen die letzten zwei Wochen Revue passieren.

 

Das Abendessen nehmen wir alle gemeinsam im Hof der Schwarzen Katz ein. Tagliatelle mit Rehragout sind nicht schlecht, der Weißburgunder schön süffig, wie es sich für einen Hauswein gehört. All zu lang wird der Abend aber nicht, es sind dann doch alle rechtschaffen müde. Schließlich geht auch noch ein Gewitter auf Bozen nieder. Das schafft es allerdings kaum, die stickig heiße Luft aus unserer Kammer zu vertreiben.

Wanderung: 20,5 km

Höhenmeter: +288 / -1.165

Übernachtung: Gasthaus Schwarze Katz - 40 EUR