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Watzespitze und Kaunergrathütte

Sa, Aug 1, 2015

 

GLETSCHER UND GLETSCHER UND GLETSCHER

Auf der Kaunergrathütte endet der erste Teil der Mission Alpenüberquerung. Teil zwei wird uns in den nächsten Tagen bis nach Bozen führen. Heute suchen wir Anschluss an die klassische E5-Route: Am Ende des Pitztals geht es hinauf zur Braunschweiger Hütte.

Nach nur einer Woche die Bergwelt schon wieder zu verlassen, just wo wir in die hochalpinen Regionen vorgestoßen sind, wäre für mich irgendwie unbefriedigend. Klar, der E5 läuft nicht weg und man kann immer im nächsten Jahr den folgenden Abschnitt in Angriff nehmen. Das ist das Tolle an dem Programm der Mainzer DAV-Sektion. Ich habe aber jetzt gerade richtig Lust auf die Herausforderungen der kommenden Tage. Im Vorfeld hieß es ja, die zweite Woche würde vor allem aus Genusswandern bestehen. Ich werde auf diesen Gedanken zurückkommen...

 

Teil 2 des Abenteuers beginnt

 

Ein bisschen später als Berthold seinen großen setzt Martin den kleinen Mainzer Trupp in Bewegung. Neben Edgar, Dirk und mir gehören Michelle, Raphaela, Matthias, Max, Jürgen und Heinz zur Gruppe, der in der kommenden Woche das etwas anspruchsvollere Wanderprogramm zugemutet werden soll. Der größere, moderat wandernde Teil ist bereits seit Donnerstag mit Manfred unterwegs. Heute Abend werden wir alle auf der Braunschweiger Hütte wiedersehen.

 

Von der Kaunergrathütte geht es zunächst hinunter zum Karlesegg, einem Hochplateau, auf dem sich ein kleiner See gebildet hat. In dem vermischt sich das frische Schmelzwasser mit den angesammelten Sedimenten, ehe es mit dem Lussbach gen Pitztal rauscht. Kurz darauf zweigt der Cottbuser Höhenweg ab. Mittlerweile ist die erste dunkle Wolkenfront ohne Regen über uns hinweggezogen, aus der zweiten fallen dann aber doch ein paar Tropfen. Also werden Mensch und Rucksack wasserdicht verpackt. Mit Aussicht vom Höhenweg ist's nun natürlich ziemlich mau.

 

Neben allerlei Blockwerk, das zu durchkraxeln ist, wartet der Cottbuser Höhenweg auch mit einer nicht ganz unkniffligen Kletterstelle auf. An Ketten und eisernen Tritten steigen wir durch eine ziemlich nasse und daher etwas glitschige Verschneidung in eine Schlucht und gleich danach genauso steil wieder hinaus. Mit entsprechender Erfahrung und Trittsicherheit gar kein Problem. Nur mit dem Gegenverkehr auf dem beliebten Wanderweg muss man sich arrangieren.

 

Das Ziel kommt in Sicht

 

Nach gut zwei Stunden auf dem Cottbuser Höhenweg rückt der Riffelsee ins Blickfeld. Bis wir dessen Ufer und die daneben liegende Bergstation der Seilbahn erreichen, zieht sich der Weg aber noch eine ganze Weile den Hang entlang. Bei sonnigem Wetter wäre es hier bestimmt traumhaft schön, so präsentiert sich die Landschaft etwas eintönig in Grau und Braun. Auf der anderen Talseite ist aber schon die gesamte Wegstrecke zu unserem heutigen Ziel auszumachen. Ganz weit oben thront die Braunschweiger Hütte auf Augenhöhe mit den Gletschern der Ötztaler Alpen. Da wollen wir hin!

 

Wir nutzen kurz die sanitären Anlagen des Bergrestaurants Sunnaalm, dann nehmen wir für ziemlich unverschämte 14 Euro die Riffelseebahn zur Talfahrt nach Mandarfen in Anspruch. Gleich gegenüber der Ankunft ist eine Raiffeisenbank, da ziehe ich noch mal ein paar Scheine. Dadurch, dass man in den Bergen praktisch alles bar zahlen muss, rinnt das Geld einem nur so durch die Finger.

 

Wir spazieren zum Ende des Pitztals und dann leicht bergan die hier munter durch das Gries gurgelnde junge Pitz begleitend zum Gletscherstüberl. Zeit für die Mittagspause. Knödelsuppe und alkoholfreies Weißbier gehen immer!

 

Ohne Gepäck läuft es sich leichter

 

Bis zur Braunschweiger Hütte sind es nun noch gut 800 Höhenmeter in recht steilem Anstieg. Da erscheint uns die Option, das Ganze ohne Rucksack zu bestreiten, zu verlockend. Dirk und ich müssen nun wirklich niemandem mehr etwas beweisen auf dieser Tour. Ein paar Augenblicke später zuckelt die Gondel der Materialseilbahn samt unserem Gepäck Richtung Hütte. Kurz beunruhigt es uns, als wir sehen, dass ein paar Wanderer die Bahn wieder zurückkommen lassen, um noch ihre eigenen Rucksäcke einzuladen. Martin hat davon erzählt, dass manche Bergschulen schonmal bereits verstaute Taschen wieder ausladen, um die der eigenen Gruppe unterzubringen. Derart asoziales Verhalten können wir aber nicht beobachten. Die Seilbahn setzt sich bald wieder in Bewegung.

 

Für den Aufstieg zur Braunschweiger Hütte gibt es mehrere Varianten. Eine geht über Klettersteige ziemlich nah am Wasserfall der Pitz entlang. Wir nehmen stattdessen aber den Jägersteig, der in steilen Serpentinen zunächst durch blühende Wiesen, dann über Fels führt und sich weiter oben mit dem anderen Weg vereint. Unsere Gruppe zerfällt dabei in ihre Einzelteile, was aber okay ist. Schließlich kann sich hier niemand verlaufen. Dirk und ich benötigen keine zwei Stunden und haben dabei auch noch Zeit und Muse, den Blick über den gewaltigen Eispanzer des Mittelbergferners schweifen zu lassen. Nicht zu übersehen ist hier oben aber auch die aufwändige Infrastruktur für den winterlichen Skizirkus. Kaum eine Kuppe, auf die kein Lift führen würde. Mit der wildromantischen Bergwelt, die wir die letzten Tage am Kaunergrat erleben durften, hat das nur wenig zu tun.

 

Wiedersehen auf 2.758 Metern

 

Kurz vor halb vier laufen wir auf der Hütte ein. Manfred hat da seine Gruppe längst raufgeführt und sitzt schon in der Gaststube. Auch Beate und Thomas treffen wir wieder. Sie werden sich uns also wieder anschließen nach einigen Tagen knieschonendem Alternativprogramm im Pitztal. Schön.

 

Die Braunschweiger Hütte macht auf den ersten Blick einen hervorragenden Eindruck. Großzügige, erst vor ein paar Jahren renovierte Räumlichkeiten und moderne Sanitäranlagen lassen fast schon Hotel-Feeling aufkommen. Wir sind zwar in einem der alten Lager direkt über dem Restaurant untergebracht, aber das ist lange nicht so eng wie etwa auf der Memminger Hütte und mit jeder Menge Stauraum ausgestattet.

 

Ich stelle mich gleich mal für eine der beiden Duschen auf unserem Stockwerk an. Lustige Gespräche entstehen, wenn Menschen gemeinsam mit anderen auf so eine selbstverständliche, gewöhnlich allein im intimen Badezimmer verrichtete Tätigkeit warten müssen. Und auf einmal ist der Euro wieder einiges wert, wenn man nur noch einen davon in der Tasche hat, der genau für zwei Minuten Duschen reicht. Es werden die besten zwei Minuten der letzten drei Tage...

 

Schließlich erreicht auch unser Wanderführer Martin die Hütte. Er hat den mit einem schwächelnden Kreislauf kämpfenden Jürgen doch noch heil raufgebracht - und wohl nebenbei irgendeinen verwirrten Engländer davon abgehalten, allein auf einen Gletscher zu steigen. Die für uns reservierte Ecke in der Gaststube füllt sich immer mehr und es fließen schon einige Biere und Radler durch die durstigen Kehlen bis endlich das Abendessen kommt. Manfred hat hier die Spezialität der Braunschweiger Hütte bestellt, bei der Pellkartoffeln, gebratener Speck, eine Art Spundekäs, Quark, Käse und Gemüse in Schüsseln auf den Tisch kommen und sich jeder bedient wie er mag. Ich hätte ja lieber Schnitzel gehabt, aber am Ende werden wie immer alle satt.

 

 

Wanderung: 13 km

Höhenmeter: +1.611 / -1.105

Übernachtung: Braunschweiger Hütte - 38,50 EUR inkl. Halbpension + 4 EUR Materialseilbahn