20150417 Asien Day 6
Hong Konger Häusermeer

Fr, Apr 17, 2015

HONG KONG KREUZ UND QUER

...und von unten nach oben und zurück. Standesgemäß mit einer grün-weißen Star Ferry überqueren wir den Perlfluss und machen uns zu Fuß an die Erkundung der Stadt. Am Ende des Pflichtprogramms steht der Victoria Peak, von wo wir die atemberaubende nächtliche Aussicht auf das Meer der Hochhäuser genießen.

Erstmal Sport


Es gehört zu den in meinem Leben immer wiederkehrenden Ereignissen, am zweiten Sonntag im Mai einen Halbmarathon durch meine Heimatstadt zu laufen. Die einzigen beiden Ausnahmen davon in den letzten zehn Jahren waren durch einen Bandscheibenvorfall begründet. Um während des Urlaubs nicht völlig außer Form zu geraten, habe ich Laufschuhe dabei und unser Hotel mit der Promenade eine passende Strecke vor der Tür. Wann hat man schon mal beim Frühsport eine grandiosere Aussicht als hier in Kowloon? So gegen viertel vor acht trabe ich los.


Eine halbe Stunde später habe ich das Gefühl, mir würde gleich der Kopf explodieren. Die Sonne knallt schon zu früher Stunde unerbittlich auf den Asphalt, immer wieder wehen mir undefinierbare Gerüche in die Nase und die schwüle Luft lässt die Klamotten nur so an mir kleben. Das war eine tolle Idee mit dem Laufen. Nicht. Nach 45 Minuten suche ich mir ein schattiges Plätzchen zum Runterkommen.


Mit der Fähre nach Central


Zurück im Hotel gibt es eine dringend benötigte Dusche, dann gehen wir zum Frühstück in das Café des Hotels. Für schmales Geld haben wir hier Zugang zu einem halb kontinentalen, halb chinesischen Büffet. Gestärkt machen wir uns anschließend auf zum Anleger der Star Ferry. Für die Tokens, mit denen man durch die Schranke zur Fähre kommt, will der Automat kleinere Scheine als die, die uns die ATM ausgespuckt hat. Um an Wechselgeld zu kommen, kaufen wir noch Getränke in einem der allgegenwärtigen 7-Eleven-Märkte. Aus Versehen greife ich dabei zu gesüßtem Wasser - pfui!


Die Überfahrt mit einer der grün-weißen Fähren der Star Ferry Company von Kowloon nach Hong Kong ist eine der beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt. Wobei ich nicht verstehe, warum die Leute fast ausflippen vor Aufregung, kaum dass sie an Bord sind, und gar nicht mehr den Finger vom Auslöser ihrer Handykameras bekommen. So wahnsinnig viel anders sieht die Skyline Hong Kongs vom Wasser nun auch nicht aus. Für die Bewohner selbst sind die Fähren natürlich ein ganz normales öffentliches Transportmittel. Zwei Dollar fünfzig kostet die Überfahrt.


Auf der Insel angekommen führen lange Fußgängerüberwege in den Stadtteil Central - oder gleich in die Shopping Mall zu Füßen des 412 Meter hohen Wolkenkratzers Two International Finance Center, dem seit 2010 hinter dem International Commerce Center auf Kowlooner Seite nur noch zweithöchsten Gebäude der Stadt. Fun Fact: In “Tomb Raider - Die Wiege des Lebens” sprang Angelina Jolie alias Lara Croft hier aus dem damals noch nicht fertiggestellten obersten Stockwerk mit einem Fallschirm ab. Schätze, Angelina war das gar nicht selbst.


Welten kommen zusammen


Wir bahnen uns unseren Weg durch Central ins Viertel Sheung Wan westlich das hypermodernen Finanzzentrums. Hier kommen wirklich Welten zusammen: trendige Boutiquen neben traditionellen chinesischen Läden, coole Bars zwischen Garküchen und immer wieder heruntergekommene Wohnblocks, an den Fassaden eine tropfende Klimaanlage neben der anderen. Die Mischung ist absolut faszinierend. Mitten drin der taoistische Man Mo Tempel, der älteste der Stadt. Die Luft darin ist rauchgeschwängert, überall glimmen Räucherstäbchen, brennen Kerzen - eben genau so, wie man es sich in einem fernöstlichen Tempel vorstellt.


Zurück Richtung Central kommen wir durch den Stadtteil Soho. Hier füllen sich gerade die Bars und Restaurants mit Büroangestellten. Mittagszeit. Statt zum Lunch gehen wir erstmal zu Gap. Conny hat nämlich festgestellt, dass sie keine einzige kurze Hose dabei hat. Bei den sommerlichen Temperaturen hier eher unpraktisch. Ein Hemd für mich geht auch gleich mit.



Feng Shui im Bankenviertel


Entlang der Des Voeux Road rattern die altmodischen zweistöckigen Straßenbahnen. Hier kommen wir an der imposanten Zentrale der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) vorbei. Das Anfang der Achtzigerjahre von Sir Norman Foster entworfene Hochhaus war zu seiner Zeit das teuerste Gebäude der Welt. Die Hauptlast tragen fünf Stahlmodule, so dass das Innere sehr luftig und hell ist. Mit der Rolltreppe kann man von der Straßenebene in das wie freischwebend wirkende Atrium fahren. Die Anordnung der Rolltreppen wiederum gehorcht dem Prinzip des Feng Shui: Wie in das Maul eines Drachens sollen sie Wohlstand in die Bank bringen.


A propos Feng Shui: Als die Bank Of China ihren Wolkenkratzer auf die andere Straßenseite pflanzte, richtete sie die spitzen Seiten des Gebäudes auf das British Government House und auf die HSBC. Böse. Kaum stand die Bank Of China starb der Gouverneur und eine Wirtschaftskrise setzte ein. Für Abhilfe sorgte die Installation von zwei Kanonen auf dem Dach der HSBC. Schließlich seien noch die beiden bronzenen Löwen erwähnt, die über den Zugang zur Bank wachen. Das sind Kopien der Löwen der  Shanghaier Filiale. Es soll Glück bringen, den Nachwuchs die Nase oder Pranken der Löwen streicheln zu lassen. Zuletzt machte die HSBC ja Schlagzeilen damit, dass sie in großem Stil Kunden bei der Hinterziehung von Steuern behilflich war. Feng Shui hin oder her.


Mittagspause zwischen Wolkenkratzern


Gleich zu Füßen der HSBC liegt der zentrale Statue Square, dank der Brunnen und Schatten spendenden Bäume einer der bevorzugten Plätze der Büroangestellten der Gegend zur Mittagspause. Ein Denkmal erinnert hier seit 1923 an die in den Weltkriegen gestorbenen Bewohner Hong Kongs.


Leider gerade eine Baustelle ist der ehemalige Sitz des Legislative Council, der wiederum der ehemalige Sitz des Supreme Court war und zwischendurch auch mal von der berüchtigten japanischen Militärpolizei genutzt wurde. In Zukunft soll hier wieder ein Gericht tagen.


Weiter geht es durch einen sehr hübsch angelegten Park, den Chater Garden, zur Bank Of China. Die soll im 43. Stock eine Aussichtsplattform haben. Dem ist aber aktuell nicht so, weil dort stattdessen eine Baustelle ist. Immerhin: Der Starbucks im Erdgeschoss hat offen, eisiger Frappuccino ist unsere Rettung vor dem Zerfließen.


Nach Kathedrale und Zoo geht es zum Gipfel


Wir schauen bei der St John’s Cathedral vorbei, sich bescheiden zwischen den Wolkenkratzern duckender Sitz der anglikanischen Kirche seit 1849, und erreichen an der amerikanischen Botschaft vorbei die Hong Kong Zoological & Botanical Gardens. Die kosten keinen Eintritt und sind eine willkommen grüne Abwechslung bei unserer Tour durch die Stadt. Erstaunlich viele Vogelarten und Affen werden hier gehalten und der Zoo ist wohl auch einigermaßen erfolgreich in der Zucht selten gewordener Arten. Ein bis zwei Stunden sollte man für einen Besuch einplanen.


Dann kommen wir zu einer der Hauptattraktionen der Stadt, die Peak Tramway. Wenn man sonst nichts von Hong Kong sieht, die Standseilbahn hoch zum Victoria Peak sollte jeder Besucher einmal gefahren sein. Immerhin gibt es sie bereits seit 1888. Wir haben Glück mit der Wartezeit und kommen schon mit der zweiten Bahn an die Reihe. Auch hier wieder Mega-Fotoalarm unter den Passagieren, dabei sieht man aus den Fenstern die meiste Zeit nichts außer Büschen.


Auf dem höchsten Berg Hong Kongs


Der Victoria Peak ist mit 552 Metern der höchste Berg der Insel, aus der Bahn - übrigens ein Schweizer Fabrikat -  steigt man aber schon nach 379 Metern aus. Das reicht, um sich in klimatisch deutlich angenehmeren Gefilden zu befinden. Wer es sich leisten konnte, zog in Hong Kong schon immer nach oben. Noch einmal 20 Meter höher hinauf ginge es auf dem Dach des Peak Tower. Da die Sky Terrace dort aber extra Eintritt kostet, geben wir uns mit dem Blick unten vom Lion Pavillon aus zufrieden. Der ist gleichwohl schon extrem beeindruckend. Das Panorama dürfte eines der bekanntesten der Welt sein. Klasse!


Wo wir schon einmal da sind, würden wir uns das Ganze auch gerne noch im Dunkeln anschauen. Bis zum Sonnenuntergang ist es allerdings noch etwas hin. Also planen wir das Abendessen in einem der Restaurants hier oben ein und drehen davor noch eine Runde auf dem Nature Walk. Der zieht sich über 3,5 Kilometer auf der Harlech und der Lugard Road bestens ausgeschildert einmal um den Gipfel. Die Ausblicke von unterwegs sind atemberaubend und, wie ich finde, noch besser als von den einschlägigen Punkten um den Peak Tower.


Nach ganz kurzer Wartezeit erhalten wir dann einen Tisch im Bubba Gump. Schon wieder amerikanisches Essen! Ich gebe es gerne zu: Wir sind Fans der Kette und können nach Restaurantbesuchen in Monterey, Orlando, Los Angeles und Las Vegas nun auch eine internationale Filiale auf die Erledigt-Liste setzen. Die Cocktails sind auch gut und Conny freut sich sehr über Coconut Shrimps, die es ja gestern im Outback nicht gab.


Ein Lichtermeer zu Füßen


Draußen bricht derweil die Nacht herein. Ein gigantisches Lichtermeer breitet sich aus. Nachteil der Position auf dem Peak ist, dass man sozusagen auf den Rücken der Stadt schaut und die Wohnblocks am Berghang im Vordergrund natürlich nicht so abgefahren beleuchtet sind wie die Hochhäuser entlang der Ufer.


Als wir uns vom Ausblick losreißen, um wieder Richtung Bahn zu gehen, bemerke ich, dass ich mein Ticket verloren habe. Das muss wohl beim Bezahlen aus der Hosentasche gefallen sein. So ein Mist. Aber als wir die gigantische Warteschlange am Eingang zur Tramway sehen, halten wir es eh für keine gute Idee mehr, mit der Seilbahn in die Stadt zurück zu fahren. Wir laufen.


Immer der Nase nach


Der Abstieg über die Old Peak Road ist knackig steil. Trotzdem kommen uns einige Wahnsinnige keuchend und schnaufend in Joggingschuhen entgegen. Machen die das freiwillig? Immerhin dauert es nur ein paar Minuten, schon befinden wir uns wieder mitten zwischen den Hochhäusern. Ich entdecke einen Wegweiser zur längsten Rolltreppe der Welt, die den weiteren Weg nach unten wahrscheinlich um einiges angenehmer gestalten würde, aber wir finden sie nicht. Stattdessen einfach immer weiter der Nase nach - beziehungsweise der Spitze von 2IFC. Daneben befindet sich der Fähranleger.


Wir kommen schon wieder durch Soho. In und vor den Bars ist der Teufel los. Das Wochenende beginnt mit dem einen oder anderen Afterwork-Bier. Nach genau 50 Minuten haben wir den Pier der Star Ferry erreicht. Mit der Tram wären wir jetzt garantiert noch nicht einmal den Berg herunter gekommen. Well done!


Das letzte Erlebnis des Tages bescheren uns zwei Mönche. Oder besser: Zwei als bettelnde Mönche verkleidete Diebe. Vor denen warnt der Reiseführer und so beeilen wir uns, an den beiden vorbeizukommen, als sie sich uns überschwänglich grüßend und die Hand ausstreckend nähern. Keine 200 Meter weiter spricht uns ein junges Touristenpaar an, ob wir zwei gelbe Mönchen gesehen hätten. Ja, haben wir. Da entlang. Viel Glück!

Unterkunft: The Salisbury YMCA - 152 EUR via amoma.com


Nützliche Links

Discover Hong Kong - das Wichtigste auf einen Blick

Tripadvisor Hong Kong Travel Forum - hier gibt es Antworten auf ALLE Fragen

Lonely Planet - prima Einführung

China Highlights - How to Plan a 3-Day Tour of Hong Kong's Highlights

Hongkong.net - alles zum ÖPNV in Hong Kong

Hong Kong Reisevorbereitung - Sylwia Buchs Website hat praktische Tipps